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Du bewegst dich zwischen den "Fronten" Folk, Ambient und Industrial.
Wiesowählst du genau diese Vermengung von Stilen, was ist der Grund dass du dich nicht für einen dieser Musikstile entscheiden möchtest?

Ich habe mich überhaupt für gar nichts entschieden und möchte es auch nicht.
Das Empfinden des Hörers, meine Musik sei jetzt dieses oder jenes Genre ist pure subjektive Wahrnehmung und Zufall. Ich spiele die Musik, die ich spüren möchte und mit den Augen höre und mit den Ohren sehe.
Nun ist aber der bulgarische Folk natürlich allgegenwärtig bei Svarrogh, wobei es ja traditionelle Gebirgsfolklore des Pirin oder Rhodopen ist, jedoch neu-arrangiert, auf postmodern getrimmt und vermischt mit sphärischen, schwermütigen Elementen("Ambient") und dazu der ungemütliche Kontrast, die Härte, die geräuschliche Transzendenz.

Überschreitest du gerne Grenzen – sei es in der Kunst oder auch im
Leben?

Ohne Progress würde alles in Stagnation verenden.
Wobei man aufpassen muss, nicht alles in krankhafter Avantgarde gestalten zu müssen, denn die ewig Getriebenen, die Kunstpioniere sind dazu verdammt niemals zur Ruhe zu kommen, also ein Prozess von Aufbau und Zerstörung.
Das finde ich nicht richtig: man sollte zwar Grenzen und Mauerwerk einreissen, aber die Frucht daraus bewahren, sich satt trinken und erst dann wieder weitermachen.
Ich bin eher unzufrieden mit meinem persönlichen Leben, weil mir das genau fehlt: mehr wagen, mehr Mut, mehr Grenzerlebnisse, mehr "mehr als Leben".

"BalkanRenaissance" ist bereits dein viertes Album – leider kenne
ch die ersten drei nicht. Kannst du bitte ein bisschen zu den
früheren Veröffentlichungen etwas erzählen?

Naja, das war eher die wilde Black Metal "Phase".
Angefangen hat alles mit sehr primitven, rohen BlackPagan Metal der slawischen Schule ("Baxas Xebesheth 1883", AMF Prod. - 2003), dann folgte das ausgereiftere, anspruchsvollere Album im FolkBlackMetal Stil, ein sehr bulgarisches Album, mit grotesker Folk-Lyrik ("Lady Vitosha", Medusa Prod. - 2004). Neben einigen Splits und einer EP, kam dann das technisch versierteste, am besten produzierte und viellecht härteste und brutalste Svarrogh-Werk, das auch viel spiritueller/ritueller war als seine Vorgänger
("Kukeri", Heavy Horses Rec. - 2006), der Stil war ein Mix aus Black Metal, Folk, Ambient, Doom, etc. Aber auch wenn jedes Album verschieden ist, der rote Faden ist immer da: die bulgarische Lyrik, die balkanische Instrumentierung, die Folklore.


DeineMusik hat ernste historische Hintergründe – was fasziniert
dich daran?

Ein Baum ohne Wurzeln ist ein toter Baum. Klingt abgedroschen ist aber so.
Geschichte ist nunmal allgegenwärtig, Zeit ist nur ein Begriff.
Tradition bewahren und Avantgarde schaffen, und eben nicht nur in der Vergangenheit leben müsste das Ziel sein.
Mehr will ich dazu nicht sagen.
Jedoch will ich mich auch nicht nur in historischen Themen verirren,
viele meiner neuen Stücke spielen in der Gegenwart, der Kontrast der grauen, vor Teer und Schmutz triefenden Megalopolis und gegenüber die vergessene, weinende Magd in Folkloregewand.

Welchen genauen geschichtlichen Hintergrund beschreitest du mit dem
mystischen Album"BalkanRenaissance"?

Der Titel ist symbolisch zu sehen, denn in Bulgarien gab es niemals so was wie die (Kunst-)epoche der Renaissance. Zu dieser Zeit war das zweite bulgarische Reich, unter der Führung der schwachen Zaren aus dem Hause Schischman, gerade mit seinem Untergang beschäftigt, als die Osmanen über den Balkan herfielen und es ja wie bekannt im 17.Jh. bis nach Wien schafften. Doch man muss sich das vorstellen:
Ein großer Teil Griechenlands, Bulgarien, der östliche Teil von Serbien waren 500 Jahre lang (14.-19.Jahrhundert)von kulturellen, zeitgeschichtlichen, zivilisatorischen Ereignissen in Europa absolut abgeschnitten, ja die 500 Jahre dauernde Besetzung des Balkans durch das Osmanische Reich war eine kulturelle Kastration. Dennoch hat das Volk es geschafft seine Identität zu bewahren, seine Kultur, seine Schrift und sein Wort.
Dies geschah nur mit Hilfe des orthodoxen christlichen Glaubens der Balkanvölker, v.a. der Bulgaren als letztes Bollwerk gegen die gewollte mentale Zerstörung Europas - was wiederum heute immer noch aktuell ist.
Die Balkan Renaissance bezieht sich jedoch auf die bulgarische Widerstandsbewegung ab 1820 bis zur Unabhängigkeit 1878.
Da griffen Dichter und Maler zu den Waffen, Gewehre oder Federn.
Es formierten sich Haydukengruppen, wilde Horden von Bergkämpfern.
Frauen schmissen sich von den Klippen, um nicht als türkische Sklavinnen zu enden.
Das bulgarische Bewußtsein ist nach einem langen Winterschlaf erwacht.
Die nationale Identität feierte sich selbst als wiedergeboren.
Und das natürlich wurde in der Poesie in einer höchst pathetischen, martialischen und patriotischen Weise dargestellt, die ihresgleichen sucht.
Mag sein, dass es vielleicht ohne den russischen "Panslavismus" nie vollendet worden wäre, aber das ist unwichtig. Wichtig ist der neu erwachte Geist, die Kultur. Und die Geburt eines neuen architektonischen Stils, die Wiedergeburtshäuser der Rhodopen, Pirin, Rila und des Balkan.
Ich wollte genau dies auch darstellen mit meiner Musik, jedoch in einer eher mystischeren und spirituelleren Weise.


Hast dumit Svarrogh in Bulgarien Erfolg, kennt man dich dort?

Ja ziemlich, ob es nun Erfolg ist oder nicht, weiß ich nicht, ist ehrlich gesagt egal.
Der Bekannheitsgrad ist insofern erstaunlich, da Svarrogh niemals wirklich in Bulgarien distributiert worden ist. Ich persönlich habe max. 50 CDs in BG verkauft, wie die Leute an die Musik kommen ist mir nicht ganz klar, will ich aber jetzt nicht im Detail wissen.

Machst dumit Svarrogh auch Live-Auftritte? Wenn ja, wie gestalten sich
diese?

In diesem Jahr wird es auch erste richtige Gigs geben. Und vielleicht ist auch eine kleine Europa-Tour angesagt. Erster Gig ist am 25.8. in Zarasai auf einem Open Air Festival, Litauen. Dann folgen Griechenland, Finnland, Schottland, Schweiz.
Svarrogh besteht live aus:

Arioch - Gitarren, Stimmen, Programming (er ist auch der Sänger/Gitarrist der in meinen Augen besten deutschen Black Metal Band Odem Arcarum).
Ich - Mandoline, Gitarre, Stimme und
Marcel - Percussion, Trommeln, Ocarina.

Glaube mir, drei Mann reichen völlig aus um eine Soundapocalypse loszulösen.

Viele Effekte, und Rhythmen sind natürlich programmiert und elektronisch, müssen also vom Band kommen, was aber keineswegs die Atmosphäre stört.
Außerdem haben wir eine Video Show im Hintergrund laufen, die die Musik zusätzlich untermalt.

Wie hastdu es gelernt, so viele unterschiedliche Instrumente zu
beherrschen?

Ich finde das Leben ist zu kurz nur für ein Instrument.
Ich habe ursprünglich mit Klavier angefange, wie viele andere auch.
Später das Drumming und die Percussion, die harten und sanften Gitarren entdeckt, und letztendlich alle möglichen Arten der Folklore-Instrumente: Gaida, Kaval, Tamboura, Tanpur, Ocarina oder Mandoline.
Na so viele sind es ja nicht, schaut euch doch mal Bruno von Sangre Cavallum an, der spielt über 20 verschiedene Instrumente. Er hat schon fast ein echtes Museum daheim.
Oder der Bursche von Myrkgrav.

Wie kamder Kontakt mit Gerhard zustande – was verbindet euch?

Das ist eine lustige Geschichte. Als gegen das Allerseelen-Konzert in Rosenheim zum Boykott aufgerufen wurde, von den üblichen politischen Blindgängern(Politik hat in der Musik immer noch nichts verloren, wann begreift ihr das endlich? Musik ist Transzendenz, Emotion, Geist - was interessieren uns die weltlichen Dinge?), hat uns der Zufall ein Streich gespielt und mich prompt mit Gerhard, zunächst virtuell, dann real, bekanntgemacht, diese Bekanntschaft reifen lassen bis dann im Jetzt eine der tollsten Freundschaften entstand, die ich je hatte.
Uns verbindet die Musik (ich drumme live bei Allerseelen), unsere Reisen, die Welt, und natürlich die Frauen, haha.

Das Martenitsi– was ist das genau, welche Bedeutung hat es?

Die rot-weißen Büschel, die man sich im Frühling ums Handgelenk oder am Gewand hängt symbolisieren die Wiederkehr des Frühlings und des Lebens.
Ich habe sie extra für dieses Album gewählt, weil sie auch eine Renaissance symbolisieren wollen, das Erwachen.
Normalerweise trägt man sie nur im März, aber erst wenn man der ersten Storch gesehen hat, darf man sie abhängen und dann an Zweigen befestigen.
Das Rote ist das Blut, das Weiße die Reinheit.
Diese Tradition gibt es seit 681n.Chr, also seit dem Beginn des Ersten Bulgarischen Reiches, des ersten heidnischen Reiches Europas unter Khan Asparough.

Mersi für die Gelegenheit.
Grüße aus München.
                                                                                                                             
yersu

 
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